Jedenfalls nicht nichts machen

In “Liebe Isländer” der Mindgroup geht es um Rechnungen und zwanghafte Gespräche über Banalitäten.
Jedenfalls nicht nichts machen

Nicht nichts machen

Einen Mojito kann man auf ganz unterschiedliche Arten zubereiten. Fehlt die Limette, kann man auch einen Mandarinenschnitz oder gar Schnittlauch nehmen. Der Isländer weiß, wie man improvisiert, denn seit dem Finanzgau ist Europas größte Insel nicht nur geografisch, sondern erst recht wirtschaftlich abgeschottet.
Der Staat ist bankrott. Allen Betroffenen schneien nur noch Rechnungen ins Haus. Ab jetzt muss jeder das Leben nehmen, wie es kommt. Das gilt auch für die sieben isländischen Staatsbürger, die in “Liebe Isländer” ganz abenteuerlich ausgebeulte Sportklamotten mit Lederjacken oder schickem Fummel kombinieren (Kostüme: Stefania Adolfsdóttir). Und dann sind sie auch noch in einem Käfig eingepfercht und reden über allerlei Belangloses.
Im Hintergrund laufen auf mehreren Bildschirmen synchron Bilder aus der Welt des Fernsehens und Internets. Das sind Fenster der Popkultur, durch die unzusammenhängende Sequenzen, wie Animationsfilme, Reality-Shows oder Werbungen für BHs zum Aufpumpen, zu den isolierten Isländern durchdringen.
Die Mindgroup (Jón Páll Eyjólfsson, Hallur Ingólfsson, Jón Atli Jónasson) zeigt auf der Bühne der Wartburg im Kollektiv dümpelnde Landsleute, die der wirtschaftlichen Situation ihres Staates mit gleichgültiger Gesprächigkeit begegnen. Ihr Griff in den Kleiderschrank war spontan und unüberlegt, ebenso zufällig fallen auch ihre Gesprächsthemen aus. Damit gelingt dem Team um Jón Páll Eyjólfsson eine Momentaufnahme, eine Art kulturelle Katerstimmung der Isländer.
Banale Alltäglichkeiten
Ein dandyhafter Hundehalter beschreibt ausführlich das Bellen seines Hundes, eine Hausfrau im Sportdress verzweifelt angesichts des Inhalts ihres Kühlschranks. Unterbrochen werden sie jeweils von einer wichtigen Sendung am Fernsehen oder einer neuen Ladung Rechnungen, die von oben herunter klatscht (Bühne, Video: Mindgroup). Diese Isländer sind lediglich am eigenen Mikrokosmos interessiert, an banalen Alltäglichkeiten, Anekdoten oder Filmen wie “Avatar”. Die dahinplätschernde Konversation der Sieben wird zusätzlich skurril, wenn Nebensächlichkeiten stellenweise vom unmotivierten Tonfall in eine spontane Überbetonung kippen.
Im trockenen Humor einiger Textstellen, etwa als ein Isländer über die Handlungsstränge von Zombiefilmen sinniert, liegt auch die Stärke des Stücks. Das ununterbrochene Ausharren der Gruppe im Käfig und die zwanghaften Gespräche ohne Inhalt machen die auf anderthalb Stunden ausgedehnte Inszenierung allerdings zu einem gar dreisten Unterfangen. Dass es darum geht, in einer globalisierten und pluralistischen Welt “nicht nichts zu machen“, wie einer der Schauspieler lakonisch feststellt, ist schnell konstatiert. “Liebe Isländer” mag stellenweise humorvoll die aktuelle Situation Islands reflektieren, im Theater ist “nicht nichts“ dann aber doch etwas wenig.