Unicode 6.0.0 und »Symbojet«

Das Unicode-Consortium hat Anfang diesen Monats eine neue Version des bekannten Standards veröffentlicht – ob es allerdings diesmal insgesamt ein wirklich sinnvoll war und die internationale Welt der Typographen tatsächlich alle Erweiterungen benötigt haben, bleibt dem Urteil der geschätzten Leserschaft überlassen. Vielleicht kann man an dieser Erweiterung eher erkennen, woher das Geld kommt, mit dem die (ansonsten non-kommerziell arbeitende) Gesellschaft »Unicode« wirtschaftet. Unverkennbar viele der Erweiterungen gehen auf Verwendung in asiatischen Mobiltelefonen zurück, die seit jeher eine schier unüberschaubare Flut von Emoticons, Symbolen und Sonderzeichen beinhalten…
Unicode 6.0.0 und »Symbojet«

Erwiterung von Unicode 6.0.0 und der »Symbojet«

Natürlich sind weitere und zahlreiche Symbole, Pictogramme und Glyphen hinzugekommen, aber selten ist so kontrovers über Erweiterungen des Unicode-Standards diskutiert worden, wie nach der Erwiterung auf 6.0.0. Woran liegt das…?
Entgegen bisheriger Ergänzungen sind es diesmal hauptsächlich Symbole, Dingbats und Piktogramme, die man teilweise aus zahllosen Sammlungen oder von Freefonts her kennt; nun haben diese Zeichen endlich einen eigenen Codepoint. Ob es aber wirklich sinnvoll und zielführend ist, so eindeutigen Sehenswürdigkeiten wie z.B. dem Pariser Eiffelturm (u1F5FC), Berg Fuji (u1F5FB) oder dem Umriss des Landes Japan (u1F5FE) einen Codepoint zu geben, bleibt offen, denn man fragt sich schon: warum gerade diese Auswahl. Warum nicht andere Sehenswürdigkeiten, andere Länderumrisse… Vielleicht bekommen wir tatsächlich bald eine eigene Codepage für Klingonisch…
Dessen ungeachtet sind in 6.0.0 etliche Erweiterungen bestehender Codierungen enthalten. Auch an sinnvolle Erweiterungen z.B. bei alchimistischen Zeichen, Wayfinding, Gastronomie, Tourismus, Kommunikations-Symbole oder Transport (sogar mit eigener Codepage 1F680 bis 1F6FF) wurde gedacht.
Bei MyFonts.com ist soeben die neue Schrift »Symbojet« von Andreas Stötzner erschienen, die etliche der neuen Zeichen in geradezu epischer Anzahl beinhaltet. Dazu beantwortet der Gestalter einige Fragen von Ingo Preuß.
I. Preuß: Warum bringen Sie einen monolithischen Font mit Alphabet- und Symbolzeichen heraus, statt mehrer, kleinerer?
A. Stötzner: Ich träume seit Jahren als Grafiker davon, mir im Text benötigte Sonderzeichen nicht mehr umständlich aus irgendeinem Extrafont raussuchen zu müssen. Das geht ja schon bei einem simplen Telefonzeichen los. Nun hat Unicode bezüglich der Piktogrammkodierung einen riesen Sprung gemacht. Ich habe selbst an dieser Kodierung mitgewirkt, weil ich diese Entwicklung für wichtig halte. Nun auch einen Font mit diesem Repertoire herauszubringen, ist da nur folgerichtig.
Was ist die Zielgruppe; wer braucht so etwas – und wenn ja: wie?
Gastwirte, Strandpächter … im Ernst: das Anwendungsspektrum ist sehr breit. Jader kann damit etwas anfangen. Außerdem: BRAUCHEN ist nicht unbedingt der einzige Punkt beim Fontkauf – ich rechne auch mit dem HABENWOLLEN!
Zur stilistischen Zusammengehörigkeit: was ist die Klammer für die Einzelzeichen?
Wir sind hier natürlich nicht bei der Andron. Um es kurz zu fassen: die Zeichen sollen für Otto Normal einfach NORMAL aussehen, ihn dort abholen, wo Otl Aicher ihn hat ästhetisch im Regen stehenlassen. Sie kennen vermutlich meine Polemik gegen die Bockwurstmännchen. Aber letztlich muß man zugeben, daß dieser Duktus eben auch typisch geworden und weltweit angewandt, eingebürgert ist. Deswegen fiel meine Wahl auf einen monolinearen Duktus für die Piktogramme, der gut zu serifenlosen Buchstaben paßt. Jedoch gibt es in den Symbojet-Piktogrammen drei verschiedene Strichstärken. Die Gewichtung habe ich recht ausführlich getestet, auch die Abstimmung zur Fette der Schriftzeichen spielt natürlich eine Rolle.
Es gibt ja bereits die Lapidaria – warum also bieten Sie den gleichen Font, etwas angefettet und mit größerer x-Höhe, zusammen mit den piktographischen Zeichen nochmal an?
Wer die Symbojet kauft, soll sich nicht unbedingt um die Lapidaria scheren. Es sei denn, er will sie dazukaufen. Symbojet hat ein ganz eigenen Zweck. Ich habe für den alphabetischen Teil die Lapidaria »recycled«, wenn Sie so wollen, aus ökonomischen Gründen. Wozu nochmal ein einfaches serifenloses Alphabet entwickeln, wenn ich gerade eines gemacht habe?
Meines Erachtens sollten die Schrift und die Sonderzeichen getrennt werden, da sie nicht unmittelbar zusammengehören.
Ich meine, daß alphabetische und piktographische Zeichen durchaus zusammengehören. Der Textsatz eines Gastgeberverzeichnisses ist da vielleicht ein Extremfall, aber die Kombinierung von Schrift mit anderen Zeichen nimmt immer mehr zu, greift auf immer mehr Bereiche über. Von der Fontindustrie ist dies bis jetzt eher stiefmütterlich behandelt worden.
Es scheint mir, dass einige Zeichen durch die gerundeten Abschlüsse gar nicht so recht zur Lapidaria passen mögen, sondern eher zur Helvetica Rounded … ?
Ich finde daß es schon ganz ordentlich zusammenpaßt, trotz der Unterschiede im Detail. Und, des Rundungs-Problems bewußt, habe ich die unteren Endungen der Figur-Zeichen und viele andere Stellen gerade abgeschlossen. Außerdem gibt es eine recht stringente Geometrie, die unter den Piktogrammen wie den Versalien liegt.
Das mag Geschmackssache sein. Oder Gewohnheit.
Um dem »Gschmäckle« der Zapf Dingbats – beliebige Üppigkeit – zu entgehen, sollte man die Zeichen nicht eher den Anwendungen zuordnen? Also kleinere Päckchen schnüren für Sport, Tourismus, Verkehr und so weiter? Würde dies die Sache nicht allgemein übersichtlicher machen?
Das mit der Beliebigkeit muß ich zurückweisen. Es gibt jedoch mit der Materie der »Publikzeichen« ein grundsätzliches Problem: sie sind zwar jedem bekannt und überall anzutreffen, aber es gibt keinen allgemeingültig kodifizierten Zeichensatz wie das ABC. Daher kann jedermann jede getroffene Auswahl als »beliebig« qualifizieren, was nicht mal gänzlich falsch ist. Nur in der Praxis hilft solche Betrachtungsweise überhaupt nicht.
Ich habe mal etwas Statistik betrieben: Wir haben mit Unicode 6.0 insgesamt 2704 Positionen für pikto- und ideographische Zeichen in 18 Blöcken, die Asien-spezifischen und antiken nicht mitgerechnet. Grenzen wir es auf die vorwiegend bildhaften Zeichen ein (also ohne die mathematischen, technischen und alchemischen), bleiben immernoch 1173 kodierte Zeichen, von denen fast zwei Drittel (!) jetzt erst hineingekommen sind. Von dieser Menge nutze ich im Font lediglich 340 Positionen, hinzu kommen noch etwa 60 zusätzliche ohne Code. Es ist also eine ganz überlegte Auswahl.
Was Auswahl und sachliche Sortierung solcher Zeichen in den Unicode-Blöcken angeht, das ist ein Kapitel für sich. Michael Everson und ich haben in der Vorbereitung und in den Entscheidungsgremien viel Schweiß darauf verwendet, damit wir hier einen gewissen Fortschritt erreichen. Und jetzt gibt es einen Block »Transportmittel«, es gibt Untergliederungen wie »Pflanzen«, »Tiere«, »Sport«, »Musik« etcª. In meinem Font sind die Zeichen ebenfalls sortiert: Orientierung, Sport, Touristik, Kommunikation etcª – das wird für den Nutzer auch so ersichtlich sein und ihm die Anwendung erleichtern.
Die Vielheit, Vielzahl und der Variantenreichtum erschlagen einen und lassen einen etwas hilflos zurück. Kann man damit arbeiten?
Ich denke schon. Aber, wo ist bei der Vielheit das Problem? Wenn ich mit einem Schriftfont auch gleichzeitig ein Zeichen für Bahnhof oder Telefon setzen kann, entspricht das lediglich der aktuellen Tendenz in der visuellen Kommunikation. Eine besonders enge Auswahl hätte wenig Sinn, weil dann der Anwenderkreis gegen null ginge. Daher ist eine gewisse Vielfalt des Zeichenvorrates geboten, auch wenn sie schwerlich jemand voll ausreizen wird. Doch das ist mit herkömmlichen Fonts, die etwa eine Fülle an Akzentbuchstaben enthalten, nicht anders.
Diese Schrift könnte parallel und alternativ zu »Windings« und »Zapf Dingbats« verwendet werden. Kinder und Laien würde es sicher freuen, die Geburtstagseinladung statt mit diesen herkömmlichen Fonts mit »Symbojet« zu setzen. Müsste dieser Font dann aber nicht kostenlos und flächendeckend vertrieben werden?
Eine reizende Idee, die man jenen vorschlagen müßte, die bei Microsoft für die Systemfonts zuständig sind! Spaß beiseite: ich hoffe natürlich, daß es anständige Verkaufszahlen gibt. Verschenken kann ich die Fonts leider nicht…
Wie sieht es bei so vielen Sonderzeichen mit der Eingabeseite aus? Auf der Tastatur ?ndet man sie ja nicht.
Ja, die alte Schreibmaschine, vor der wir kurioserweise immer noch sitzen, bereitet mir seit langem Kopfzerbrechen. Im ASCII-Zeitalter mochte sie noch ein angemessenes Instrument gewesen sein, im Unicode-Zeitalter ist sie es nicht mehr. Ich bezweifle inzwischen, daß dieses Problem überhaupt noch auf Hardware-Ebene gelöst werden wird. Wahrscheinlicher ist, daß in Kürze das iPad mit einer entsprechenden Applikation die Klappertastatur einfach ablöst, weil man dann mit einem Fingertip von Lateinisch auf Kyrillisch und von Sport- auf Gastro-Piktogramme umschalten kann. Bereits heute wird die elektrische Schiefertafel – welch Ironie des Fortschritts! – als Mischpult für Musikaufnahmen oder als Fernbedienung für Haushaltgeräte eingesetzt.
Wie sind Sie auf den Namen »Symbojet« gekommen?
Das war schwierig. Eine neue Schrift kann man einfach »Hilda« oder »Nymphe« nennen, wie man es mit Wirbelstürmen oder Segelbooten macht. Aber hier sollte der Name auf die neue Qualität hinweisen, daß alphabetische und piktographische Zeichen *gleichwertig* im Font integriert sind. Sprachliche Entgleisungen wie »Dingbats« oder »Windings« verboten sich von selbst. Mein Arbeitstitel war »Alphapict«. Doch für den Markt erschien mir das etwas zu sperrig. Nach einigem Überlegen und vielen hin- und hergewälzten Varianten bin ich schließlich bei »Symbojet« gelandet. Es klingt ähnlich wie Jumbojet, man assoziiert damit also – hoffe ich – modern, groß, schnell.
 Sonderzeichen mit der Eingabeseite