Ölokalypse 2030 – Die Studie der Bundeswehr zu Peak-Oil und der Zukunft der Energieversorgung

Eine gesicherte Energieversorgung betrifft nicht nur unseren Wohlstand, sondern auch unsere Sicherheit.
Bereits letztes Jahr hat die Bundeswehr, Dezernat Zukunftsanalyse, eine umfangreiche Studie zum Thema Energieversorgung und Sicherheit vorgelegt; mit teilweise düsteren Aussichten für unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem.
Ölokalypse 2030 – Die Studie der Bundeswehr zu Peak-Oil und der Zukunft der Energieversorgung

Studie der Bundeswehr zu Peak-Oil und der Zukunft der Energieversorgung

Seltsamerweise wurde diese Studie in der Öffentlichkeit kaum diskutiert. Das mag mit der Komplexität des beschriebenen Szenarios zusammenhängen. Worte wie „Interdependenz“, „systemische Risiken“ und „EROI“ eignen sich kaum für knaggige Headlines der Boulevardpresse. Zumindest solange sie sich nicht um Ausdrücke wie Abzocke-, Killer- oder Wut- ergänzen lassen. Der Inhalt ist aber kaum weniger brisant.
Bei der Bundeswehr-Studie bedienen sich die Autoren unterschiedlichster Ansätze aus Sozialwissenschaft, Ökonomie, Kybernetik und Spieltheorie, um abzuschätzen, wie sich die steigenden Ölpreise auf unterschiedliche Subsysteme des Wirtschaftsprozesses und der globalen Sicherheit auswirken könnten.
Je komplexer Zusammenhänge sind, desto schwieriger sind sie natürlich zu erfassen und fortzuschreiben. Die Studie beschreibt folglich eine Kann-Situation, keine Muss-Situation. Dennoch muss man ihr zugute halten, dass sie keine Behauptungen aufstellt, die nicht verifizierbar sind: Die Bedingungen für das Eintreffen des Szenarios werden klar benannt, ebenso mögliche „Sollbruchstellen“ der Theorie, so dass eine sinnvolle Diskussion der Thesen möglich ist.
Die Grundthese der Studie lautet stark vereinfacht: Nach dem Erreichen des Ölfördermaximums in den nächsten 5-20 Jahren setzt aufgrund von Ölknappheit und steigenden Preisen für Lebenshaltung ein Anpassungsprozess ein, der unsere bisherige Art zu wirtschaften schwierig bis unmöglich macht. Daraus ergibt sich nicht nur ein verändertes Anforderungspotential an die Bundeswehr, sondern auch die Notwendigkeit, erneuerbare Energien sehr viel stärker als bisher zu fördern. So sagt die Studie hierzu:
“Entscheidende Bedeutung für wirksames und zeitgerechtes staatliches Handeln hat also die Kenntnis der Übertragungskanäle eines Ölpreisschocks sowie deren Interdependenzen. Komplexe Strukturen müssen (2) mit Energie (im weitesten Sinne) aufrecht erhalten werden. Ein Energieentzug führt in komplexen Systemen (unserer Wirtschaft, DP) nicht notwendigerweise zu einem proportionalen Rückgang von Komplexität, sondern im Extremfall zu einem Zusammenbruch. Die Gefahr eines solchen Entzugs von Energie muss minimiert werden. Vor diesem Hintergrund scheint insbesondere eine Neubewertung des Stellenwertes der Energiepolitik, vor allem in Relation zu Umwelt- und Klimazielen oder rein wirtschaftlichem Effizienzdenken, ratsam.”
Soll ein solches Szenario vermieden werden, bedarf es also einer sofortigen und radikalen Umstellung auf erneuerbare Energien, einer starken Ausweitung des Recycling und einer Weiterentwicklung der Technologien zur Erdgasverflüssigung, um den Einbruch beim Öl wenigstens teilweise aufzufangen. Dies alles muss flankiert werden mit einer Effizienzrevolution im Energie- und Ressourcenverbrauch.
Aber auch wenn all dieses geschieht, machen diese Anstrengungen nur den Unterschied zwischen einer Katastrophe und einer sehr schwierigen Phase: Eine wachsende Wirtschaft gehört in jedem Szenario für lange Zeit der Vergangenheit an. Laut der Studie geht es allein darum, den Niedergang geordnet zu gestalten.
Die Subsysteme die einzeln betrachtet werden sind u. a.  Individualverkehr, Nahrungsmittelversorgung, gesellschaftliche Grundstimmung, Geopolitik und Finanzwesen, und welche Veränderungen der Sicherheitslage sich dadurch ergeben könnten.  Sie alle würden für sich eine detaillierte Erörterung in diesem Blog rechtfertigen. Aus Platzmangel wird an dieser Stelle auf die Studie selbst verwiesen, die trotz ihres komplizierten Inhaltes recht lesbar ist.
Da das Öl für so unterschiedliche Dinge wie suburbane Siedlungsstruktur, Düngemittelversorgung, Internationale Beziehungen, Wirtschaftswachstum und Warentransport essentiell ist, trifft eine starke Verteuerung des Öls unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem an mehreren wichtigen Punkten gleichzeitig.
Anders formuliert: Es wird etwa zur gleichen Zeit sein, dass wir die höheren Spritpreise, höhere Lebensmittelpreise durch gestiegene Transportkosten, höhere Heizöl-Preise und weltweite Nahrungsmittelknappheit mangels Dünger zu spüren bekommen. Dies könnte man bildlich mit dem Schuss einer Schrotflinte vergleichen: Ein Schrotkügelchen ist nicht schlimm, aber wenn viele davon abgeschossen werden, kann es zu schweren Verletzungen führen. Und jedes dieser betroffenen Subsysteme ist ein Schrotkügelchen.
Doch nicht nur unsere Wirtschaft ist laut dieser Studie angewiesen auf ein stetiges Wachstum. Laut einiger Studien ist auch für eine liberale und tolerante Gesellschaft dauerndes Wachstum wichtig. Findet es nicht statt, gibt es starke Tendenzen zum Extremismus und eine verminderte gesellschaftliche Konsensfähigkeit, da es kein „Mehr“ zu verteilen gibt, sondern es darum geht, wem weniger weggenommen wird. Minderheiten haben es zunehmend schwerer. Das Erstarken extremistischer Parteien im Europa der Great Depression der 20er Jahre zeigt deutlich, wohin die Reise gehen kann.
Eine umfassende Beschreibung dieses Sachverhaltes findet sich übrigens auf:
Harvard University Department of Economics: The Moral Consequences Of Economic Growth (PDF)
Die Bundeswehr-Studie ist übrigens nicht die einzige Untersuchung dieser Art, die solche Schlüsse zieht. Auch eine Studie der amerikanischen Regierung (PDF) und des neuseeländischen Parlaments (PDF) kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Dies lässt den Schluss zu, dass diese Entwicklung sehr ernst genommen werden muss.
Es bleibt zu hoffen, dass sie es auch wird.
Die Studie “Peak Oil – Sicherheitspolitische Imlikationen knapper Ressourcen” finden Sie in Gänze hier (PDF).