Hämorrhoidensalbe – Geheimtipp gegen Falten? Nein!

Ab 30 sind bei den meisten im Gesicht erste Spuren der Hautalterung zu sehen: Krähenfüße, Stirn- und Mimikfalten. Der eine oder andere greift zu ungewöhnlichen Mitteln, um dagegen anzuschmieren. Eine Expertin sagt hier, warum der „Geheimtipp“ Hämorrhoidensalbe auch nach hinten losgehen kann.
Hämorrhoidensalbe – Geheimtipp gegen Falten? Nein!

Gegen die sichtbaren Zeichen des Hautalterungsprozesses anzukämpfen, ist eine Sache. Die Wahl des passenden Mittels eine andere. Als ich kürzlich las, dass es immer noch oder besser immer wieder Menschen gibt, die sich Hämorrhoidensalbe ins Gesicht schmieren, war klar: YaaCool hat einen neuen „Bock des Monats“. Denn die Präparate, die – zu Recht oder Unrecht – verbunden mit berühmten und Vertrauen erweckenden Anwendernamen wie dem der US-amerikanischen Schauspielerin Sandra Bullock oder dem der deutschen Schauspielerin Anja Kruse als angebliches Wundermittel gegen Tränensäcke und (Augen)Falten propagiert werden, gehören nun mal an den Hintern – und nicht ins Gesicht! Warum? Diese Frage zu beantworten, überlasse ich einer Haut-Expertin:

YaaCool: Frau Dr. Voigt, Hämorrhoiden-Salbe fürs Gesicht – funktioniert das wirklich?

Dr. Dagmar Voigt, Dermatologin, Hamburg: Die Hämorrhoiden-Salbe taucht tatsächlich immer mal wieder als „großer Tipp“ auf. Die gewünschte Wirkung wird vor allem durch den gefäßverengenden Effekt der Salbe erzeugt. Dadurch kommt es zu einer Abschwellung. Das bedeutet aber, dass ein entsprechender Wirkstoff vorhanden sein muss. Und da gibt es eine breite Palette!

Darunter sind sicher Komponenten, die man sich besser nicht ins Gesicht schmieren sollte – oder?

Dr. Dagmar Voigt: Ganz genau: Nicht selten handelt es sich um Kortison, das im Gesicht überhaupt nichts zu suchen hat! Und die Vorstellung, sich eine Creme für den Anus ins Gesicht zu schmieren, finde ich schon an sich äußerst bedenklich und fragwürdig. Da gibt es deutlich gesündere und risikolosere Methoden, um ein frisches Aussehen zu erzielen.

Können Sie bitte konkret beschreiben, wie eine Hämorrhoiden-Salbe wirkt?

Dr. Dagmar Voigt: Vielleicht sollte ich zunächst einmal erklären, was eine Hämorrhoide ist: Jeder Mensch hat arteriovenöse Gefäßpolster, die ringförmig unter der Enddarmschleimhaut liegen und helfen, den After zu schließen. Vergrößerte oder tiefer getretene Hämorrhoiden verursachen Beschwerden, das sogenannte Hämorrhoidenleiden. Ganz typisch sind dafür die Symptome:

  • Blutungen
  • Druckgefühl
  • Juckreiz

Eine wichtige Gruppe von Hämorrhoiden-Präparaten sind die örtlich betäubenden, sogenannten Lokalanästhetika. Sie reduzieren das Schmerzempfinden und stillen so auch den Juckreiz, der das Hämorrhoidenleiden meist begleitet. Die Salbe beginnt bereits nach wenigen Minuten zu wirken und ihre Wirkung hält mehrere Stunden an. Gängige, örtlich betäubende Wirkstoffe sind:

  • Lidocain (zum Beispiel in dem Präparat „Posterisan akut“)
  • Cinchocain (zum Beispiel in dem Präparat „Dolo Posterine N“) und
  • Benzocain (zum Beispiel in dem Präparat „Anaesthesin“)

Auf die passende Stelle des Körpers geschmiert, haben diese Wirkstoffe demnach ganz sicher ihre Berechtigung. Gibt es auch Nachteile oder Nebenwirkungen, die bei einer Anwendung der Salbe im Gesicht auch dort auftreten können?

Dr. Dagmar Voigt: Ja, die gibt es. Einige Substanzen können Allergien auslösen. Das zeigt sich meist durch starkes Jucken nach dem Auftrag der Salbe. Allergische Reaktionen können aber auch von Konservierungsstoffen rühren.

Was kann außerdem in Hämorrhoiden-Präparaten stecken?

Dr. Dagmar Voigt: Einige Mittel kombinieren Lokalanästhetika mit sogenannten Glukokortikoiden (zum Beispiel „Procto-Kaban“, „Scheriproct“). Diese Wirkstoffe können Entzündungen stark hemmen.
In vielen Präparaten ist ein örtlich betäubender Wirkstoff mit verschiedenen anderen Substanzen verbunden. Sogenanntes Bismutsalz beispielsweise wirkt schwach blutstillend und hemmt Entzündungen. Es kann einen örtlich betäubenden Wirkstoff sinnvoll ergänzen. Ein desinfizierender Wirkstoff wie Hexylresorzin ist bei Hämorrhoiden aber nicht erforderlich und könnte die Haut stark reizen.
Kritisch ist der Wirkstoff Bufexamac zu sehen. Er ist in vielen Kombipräparaten enthalten (beispielsweise „Faktu akut“, „Haemo-Exhirud Bufexamac“, „Rectosellan“, „Hexamon Bufexamac“, „Mastu“). Die Stiftung Warentest und die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft raten, Bufexamac nicht mehr anzuwenden. Es dämpft zwar Entzündungen, bessert Juckreiz und lindert Schmerzen. Aber in den vergangenen Jahren haben Kontaktallergien durch Bufexamac stark zugenommen. So zeigte eine groß angelegte Untersuchung des Informationsbunds Dermatologischer Kliniken, dass in Deutschland jedes Jahr etwa 6.000 Patienten an einer Kontaktallergie durch Bufexamac erkranken.

Also alles in allem ein klares „Nein“ von hautärztlicher Seite für den Einsatz von Hämorrhoiden-Salbe gegen Tränensäcke und Gesichtsfalten?

Dr. Dagmar Voigt: Klarer geht’s nicht.

Vielen Dank, Frau Dr. Voigt, dass Sie uns aufgeklärt haben!

Mein diesbezüglich letzter Tipp:

Wenn gewiefte Sparfüchse argumentieren, dass es doch ganz praktisch sei, mit der Hämorrhoidensalbe ein vermeintlich wirksames Mittel für gleich zwei Problemzonen zu haben – bitte ich doch eindringlich darum, sich nach dem Gebrauch des Mittels am Allerwertesten unbedingt die Hände zu waschen, bevor Sie im Gesicht weitercremen!